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Warum kann Erniedrigung sexuell erregend sein?

  • Dec 3, 2023
  • 4 min read

Updated: May 28, 2024


Als ich 13 oder 14 war, zogen meine Freundinnen und ich uns manchmal Miniröcke und Push-up BHs an und liefen durch die Stadt mit dem Ziel, Blicke und Reaktionen von Männern auf uns zu ziehen. "Hast du gesehen, wie der Typ da geguckt hat? Der könnte unser Vater sein. Igitt." Als Mädchen wurden wir dazu erzogen, unser Selbstbild vom männlichen Blick formen zu lassen. Reaktionen von Männern waren ausschlaggebend dafür, wie attraktiv und begehrenswert wir uns fühlten. Wir hatten gelernt, unser Selbstwertgefühl aus männlicher Bestätigung zu ziehen.


In ihrem Buch Pick me girls schreibt Sophie Passmann über dieses Phänomen: "Mit Anfang 20 begann ich, mit Sorge zu betrachten, dass ich deutlich seltener sexuell belästigt wurde als die anderen Frauen, mit denen ich studierte. (...) Und obwohl ich damals wie heute wusste, wie widerlich das alles war, waren die Selbstzweifel in Bezug auf Männer so tief in mein Unterbewusstsein eingesickert, dass ich insgeheim anfing, es persönlich zu nehmen, wie oft meine Freundinnen im Vergleich zu mir belästigt wurden." [1]


In der patriarchal geprägten Welt, in der wir nun einmal leben - ob wir wollen oder nicht - ist Erniedrigung von Frauen durch Männer in Form von sexueller Belästigung auf eine perfide Art und Weise ein Ausdruck von Anerkennung, Wertschätzung, Gesehen werden. Denn was ist die Alternative?"In Wahrheit ist die Abwesenheit von sexueller Belästigung nicht gleichzeitig die Anwesenheit von Respekt. Meist bedeutet es nur, dass man für den Mann, der einen potenziell belästigen würde, nicht gut genug wirkt, um den Aufwand der Belästigung auf sich zu nehmen." [2]


Im Roman Detransition, Baby erlebt die trans* Frau Reese die Gewalt, die ihr männlicher Partner ihr zufügt, als gender affirming. Von ihrem Partner geschlagen zu werden, gibt ihr das Gefühl, ganz und gar als Frau wahrgenommen zu werden. Sie empfindet die Erniedrigung gewissermaßen als Anerkennung ihrer Weiblichkeit. Reese hat eine tiefe Sehnsucht danach, geliebt und begehrt zu werden und assoziiert dies mit männlicher Gewalt: "a desire to be loved so much he murders me" [3].


Die beiden genannten Beispiele beziehen sich auf nicht einvernehmliche Erniedrigung, und lassen daher natürlich nur bedingt Schlüsse in einem BDSM Kontext zu. Trotzdem ist das Betrachten von Gender Dynamiken in der realen Welt interessant, wenn es um das Phänomen der Erniedrigung in einem einvernehmlichen BDSM Spiel geht. Sophie Passmann und die Romanfigur Reese beschreiben beide letztlich eine Form von Erniedrigung: Erniedrigung durch Belästigung und Erniedrigung durch Gewalt. Beide beschreiben, dass die erlebte Erniedrigung widersprüchliche Gefühle auslöst, und zwar unter anderem eine Erhöhung des Selbstwertgefühls. Ich glaube, dass viele submissiv veranlagte Menschen Erniedrigung aus genau diesem Grund erregend finden. Sie fühlen sich durch die Erniedrigung gesehen. Die Demütigung durch ihre/n dominante/n PartnerIn führt paradoxerweise zu einem Gefühl der Wertschätzung, des Verehrt-Werdens. Die Abwertung ist am Ende eine Aufwertung.


Im Roman Blutbuch bringt die nicht-binäre Erzählfigur, die sich über Dating Apps mit Männern für Quickies verabredet, auf den Punkt, worin das Paradox der Erniedrigung im sexuellen Kontext liegt."Ich liebe die Erniedrigung, ich werde so richtig feucht, wenn man mich wie die billigste Nutte behandelt. Und noch viel mehr geilt es mich auf, wenn ich sehe, wie sehr man mich erniedrigen muss, wie sehr ich in meiner physischen Machtlosigkeit die gesamte psychische Kontrolle über ihre Geilheit habe. Nichts macht mich williger, als zu spüren, wie sehr sie von meiner slutiness abhängig sind, um ihre Schwänze hochzukriegen. Sie sagen: ICH BESORGE ES DIR, aber in Tat und Wirklichkeit besorge ich es ihnen." [4]


Erniedrigung im BDSM Kontext hat in erster Linie die Funktion, ein Machtgefälle zu etablieren oder zu untermauern. Die dominante Person demonstriert ihre Macht und weist der erniedrigten Person die submissive Rolle zu. Auf den ersten Blick ist die Situation klar: Die dominante Person hat viel Macht, die submissive Person wenig. Tatsächlich ist die Dynamik aber aber viel komplexer: Die submissive Person gibt mit ihren Tabus den Rahmen des Spiels vor, bestimmt die Grenzen und hat immer das letzte (Safe)Wort. Die erniedrigte Person verleiht der erniedrigenden Person Macht, indem sie sich von ihr erniedrigen lässt. Denn im BDSM mache ich das Ganze ja freiwillig. Die Person, die mich erniedrigt, braucht mich, ist angewiesen auf meine Bereitschaft, mich von ihr erniedrigen zu lassen.


Erniedrigung im BDSM funktioniert nur dann für beide Seiten, wenn genau das richtige Verhältnis von Demütigung und Wertschätzung erreicht wird. Von einem Partner hässlich oder ekelhaft genannt zu werden, würde mich zum Beispiel extrem verletzen und null erregen. Ausschließlich angehimmelt zu werden ebenso wenig. Es braucht diesen ganz bestimmten sweet spot, die exakt richtige Mischung aus Erniedrigung und Würdigung.


Von einem Partner brav genannt zu werden, ist ein solcher sweet spot für mich. Es ist einerseits wertschätzend, ein Lob, eine Anerkennung. Anderseits ist es eindeutig erniedrigend: Es untermauert ein Machtgefälle, das mich als Untergebene per definitionem erniedrigt. Welcher erwachsene Mensch nennt einen anderen erwachsenen Menschen schon brav? Schlampe genannt zu werden, funktioniert für mich ähnlich. Es ist ein Schimpfwort und damit erniedrigend. Gleichzeitig ist es sexuell aufgeladen, impliziert Promiskuität und damit indirekt auch, dass ich begehrenswert bin, oder, wie Eva Illouz es nennt, über "sexuelles Kapital" verfüge.


Was mich in letzter Zeit beschäftigt, ist diese Frage: Hätte ich in einer nicht-patriarchalen Welt, in der ich nicht mein Leben lang durch den männlichen Blick geprägt worden wäre, die gleichen sexuellen Vorlieben?


[1] Sophie Passmann: Pick me girls, S. 191.

[2] Sophie Passmann: Pick me girls, S. 194.

[3] Torrey Peters: Detransition, Baby.

[4] Kim de L'Horizon: Blutbuch, S. 50.


 
 
 

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